Zauberhafte Pilze – eine neue Pilzkultur erobert die Designwelt
Die anfängliche Begeisterung für Myzel-Materialien, die als Ersatz für Leder und Kunststoff dienen sollten, legte sich schnell. Doch mittlerweile haben sich neue Einsatzmöglichkeiten für diese aus Pilzwurzelgeflechten hergestellten Werkstoffe entwickelt.
Es erinnert an das naturfarbene Rindsleder der 1980er Jahre, das damals für Taschen und Schulranzen beliebt war, allerdings etwas matter und gelblicher wirkt. Es könnte auch als dickes Papier durchgehen. Doch das Material, aus dem die Taschen, Lampen und der Raumteiler hergestellt sind, die im Juni beim Designfestival „3 Days of Design“ in Kopenhagen in einer kleinen Galerie gezeigt wurden, ist weder Leder noch Papier – es handelt sich um ein Myzel-Material, hergestellt aus dem Wurzelgeflecht von Pilzen.
Der Hersteller, das amerikanische Unternehmen MycoWorks, hat diesen Werkstoff „Reishi“ genannt. Früher wurden solche schnell nachwachsenden Materialien als die neueste Innovation in Sachen nachhaltiger Werkstoffe gefeiert – eine Alternative zu tierischen Produkten und Kunststoffen, sogar in der Luxusindustrie.
Die anfängliche Aufregung um diese Lederalternativen legte sich jedoch bald. Probleme mit Qualität, Verfügbarkeit und Kosten ließen das Interesse schwinden. Doch jetzt zeigen kleinere, feinere Projekte, wie das in Kopenhagen, dass dieses nachhaltige Material innovativ eingesetzt werden kann und dass es nach dem ersten, folgenlosen Hype keinesfalls aufgegeben wurde. Was also machen die derzeitigen Entwickler, die eine neue Generation der Myzel-Kultur entwerfen, anders? Und wie wird der Werkstoff eigentlich verarbeitet?
2021 war das Jahr voller vielversprechender Ankündigungen über Myzel-basierte Lederalternativen. Das französische Luxushaus Hermès stellte im März jenes Jahres eine Version seiner Victoria-Tasche vor, deren Seitenteile aus dem Myzel-Material „Sylvania“ bestanden, entwickelt in Zusammenarbeit mit den Myzel-Pionieren von MycoWorks – ein sogenanntes „Fine Mycelium“ ähnlich wie Reishi.
Die Tasche kam jedoch nie auf den Markt. Bei Hermès gibt man sich bedeckt über die Gründe sowie den aktuellen Stand der Kooperation: „Aktuell liegen uns dazu keine Informationen vor“, teilt die PR-Abteilung mit. Auch MycoWorks gibt sich nur vage. Die einzigen pilzbezogenen Produkte im Hermès-Sortiment sind derzeit drei Briefbeschwerer und ein Handtaschenanhänger, die Pilze darstellen und aus Leder gefertigt sind.
Auch andere bekannte Marken stellten im selben Jahr Produkte aus einem ähnlichen Material vor: „Mylo“ hieß es, ein von dem ebenfalls US-amerikanischen Biotech-Unternehmen Bolt Threads entwickeltes Myzel-Leder, das in Zusammenarbeit mit dem Luxuskonzern Kering (Gucci, Saint Laurent) entstand. Adidas präsentierte im April 2021 eine Version des Turnschuh-Klassikers Stan Smith aus Mylo. Doch es blieb bei einem Konzept.
Stella McCartney launchte im Oktober 2021 in Paris „die erste Luxushandtasche aus Mylo“: die Frayme, eine halbrunde schwarze Umhängetasche, die ab Ende Mai 2022 vorbestellt werden konnte. Auf der Website ist die Tasche (Preis: 1995 Euro) nach wie vor aufgeführt – jedoch mit dem Vermerk „nicht vorrätig“.
Der Mylo-Hersteller Bolt Threads hat die Weiterentwicklung und Produktion seines Myzel-Leders Mitte 2023 eingestellt. Der strategische Fokus liegt nun auf innovativen biotechnologischen Inhaltsstoffen für die Beautyindustrie.
MycoWorks hingegen, 2013 von Künstler Phil Ross und zwei Partnern gegründet, hat 2023 eine große Fabrik in South Carolina eröffnet, wo die „Häute“ gezüchtet werden. Mit einer Niederlassung in Paris sucht man die Nähe zur europäischen Mode- und Luxusindustrie. Reishi ist nicht billig: Ein Blatt im Format 60 x 90 Zentimeter kostet 278 Euro.
Erst experimentiert, dann geklebt statt genäht
Die dänische Designerin Cecilie Manz, die für das Reishi-Projekt in Kopenhagen eine Tasche entworfen hat, ist überzeugt, dass das Material Potenzial hat, betont jedoch, dass es in der Verarbeitung anders als Leder behandelt werden muss. Nach verschiedenen Experimenten entschied sie sich für eine einfache Eimerform und dafür, die Tasche zu kleben sowie den Boden mit einer Holzplatte zu verstärken. Nur die Henkel sind mit zwei Stichen befestigt.
Ein Unternehmen, das bereits mit MycoWorks zusammenarbeitet, ist der französische Möbelhersteller Ligne Roset. Nachdem Ende 2022 schon mal ein Kissen aus Reishi angekündigt war, das aber dann doch nicht in die Kollektion aufgenommen wurde, kann das Myzel-Material jetzt als Bezug für die Seitenpaneele des „Kobold“-Sofas von Erwan Bouroullec gewählt werden.
Christophe Suchet, Leiter der Entwicklungsabteilung von Ligne Roset, beschreibt die Herausforderungen des Myzel-Leders: „Dieses Material lässt sich weder wie Leder noch wie Stoff verarbeiten. Anfangs haben wir versucht, einige Nähte zu machen, aber das Material riss. Aufgrund unseres Feedbacks hat es der Hersteller weiterentwickelt.“ Heute könne man aus dem Material Paneele wie beim Kobold-Sofa oder Paravents herstellen. Aber das Ziel sei es, seine Festigkeit und Flexibilität so zu optimieren, dass man es für eine Sitzfläche verarbeiten könne, so Suchet.
Myzel-Hanf-Komposit als Ersatz für Kunststoff
Das Komposit – Grundstoff sind mit Myzel geimpfte Hanffasern aus dem holzigen Stängel – ersetzt hier Kunststoff, der für solche Möbelteile normalerweise verwendet wird. Der noch etwas schwammige Rohling wird anschließend getrocknet und dann auf 80 Grad erhitzt. „Wir killen den Stuhl, sonst wächst er weiter“, sagt Schilder lachend. Er ist von dem Werkstoff und seinen Möglichkeiten fasziniert: Das Material sei mit nichts anderem vergleichbar, unvorstellbare Formen möglich. „Man kann auch verschiedene Teile während des Prozesses zusammenwachsen lassen.“
Als erstes Möbel entschied sich die junge Firma bewusst für einen Esszimmerstuhl und eine mehrheitsfähige Gestaltung, schlicht und skulptural. „Wir wollten nichts Befremdendes.“ Andere Teile der Kollektion sind expressiver, zitieren Pilz-Formen, auch in ihren Namen.
Bei Polsterung und Bezug setzt das von ehemaligen Mitarbeitern des niederländischen Designmöbellabels Moooi gegründete Unternehmen ebenfalls konsequent auf nachhaltige Materialien: Das Polster besteht aus einem algenbasierten Schaum und Wolle, der Bezugsstoff ebenfalls aus reiner Wolle. Selbst beim Nähgarn verzichtet man auf Kunststofffasern, Reißverschlüsse gibt es auch keine und das kleine „Aifunghi“-Schildchen besteht aus dem Pilzleder Reishi. Am Ende seines Lebens kann der „Banet“-Stuhl also kompostiert werden.
Trotzdem hat er alle Tests für den Einsatz im Objektbereich, also Büros, Hotels etc., bestanden und ist dementsprechend zertifiziert. Mit einem Preis von 1715 Euro bewegt der Banet sich im selben Bereich wie vergleichbare Stühle italienischer Premiummarken. Aktuell können bis zu 700 Exemplare im Jahr produziert werden. Erste Kunden gibt es bereits.
Annemarie Ballschmiter ist Stil-Redakteurin in Berlin. Sie berichtet über Design, Möbel und Trends.
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Larissa Vogler ist Kulturjournalistin mit einer Leidenschaft für Filme, Serien und Shows. Sie liebt es, unentdeckte Perlen aufzuspüren und ihre Leser mit neuen Ideen zu begeistern.