Die unsichtbaren Pionierinnen: Jüdische Designerinnen und ihre Bedeutung
In der deutschen Designgeschichte spielten jüdische Designerinnen eine zentrale Rolle. Eine Ausstellung verfolgt nun ihre Spuren, deren Lebensgeschichten oft unzureichend dokumentiert sind und meist tragisch endeten – im Exil oder durch Ermordung.
Verspielt blicken sie einander an, beide topmodisch gekleidet: Sie in einem großzügigen Mantel mit weißem Hut, er in einem eleganten Anzug mit gestreifter Krawatte, im Hintergrund ein gelbes Cabriolet. „Das elegante Paar“ – so der Titel des Werks von 1926, geschaffen von der Illustratorin Franziska Schlopsnies für die „Meggendorfer-Blätter“.
Dieses farbenprächtige Gouache ist das einzige erhaltene Originaldesign der Künstlerin, die auch für Publikationen wie „Jugend“ und „Simplicissimus“ tätig war. Es verkörpert den Geist des Fortschritts und Neubeginns und ist eines der Highlights der Ausstellung „Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne“ im Jüdischen Museum Berlin, die rund 400 Werke von über 60 Künstlerinnen präsentiert.
Die Ausstellung zeigt eine beeindruckende Bandbreite an Keramiken, Spielzeug, Textilien und Schmuck, aber auch jüdische Ritualgegenstände. Sie verdeutlicht, wie jüdische Designerinnen die deutsche Designgeschichte maßgeblich mitgestalteten und die Moderne prägten.
Zugleich wird klar, dass es „die“ jüdische Designerin als solche nicht gab; die Biografien sind höchst unterschiedlich. Manche arbeiteten im Verborgenen, andere waren gesellschaftlich sehr aktiv, manche tief religiös, andere säkular. Einige fanden in ihrer Religion und Gemeinschaft Trost, als die Verfolgung durch das NS-Regime begann.
Die Kuratorin Michal S. Friedlander hat fast zwei Jahrzehnte lang in Deutschland, den USA, Großbritannien und Israel geforscht, um diese Ausstellung zusammenzustellen. Sie durchforstete Archive, Nachlässe und Online-Plattformen, um die oft vergessenen Beiträge dieser Frauen zu dokumentieren.
Die Ausstellung beginnt mit dem Ersten Weltkrieg und zeigt Propagandapostkarten und Kriegsbilderbögen, mit denen Jüdinnen ihre Zugehörigkeit zur „deutschen Volksgemeinschaft“ demonstrierten. Sie führt weiter durch die aufregende Nachkriegszeit, als sich auch für Jüdinnen neue berufliche Möglichkeiten eröffneten. Bis dahin waren Berufsausbildungen für Frauen die Ausnahme.
Die gesellschaftlichen Veränderungen der Zeit ermöglichten den Zugang zu Bildungseinrichtungen wie dem Bauhaus oder der Schule Reimann, einer von dem jüdischen Ehepaar Albert und Klara Reimann geleiteten Kunst- und Kunstgewerbeschule, die heute fast in Vergessenheit geraten ist. An dieser Schule, eine der bedeutendsten ihrer Zeit, wurden rund 15000 junge Menschen ausgebildet, darunter viele Jüdinnen.
Die Ausstellung verfolgt weiter die Entwicklung dieser Designerinnen während der Blütezeit der angewandten Künste in der Weimarer Republik und illustriert, wie sie sich unter den schwierigen Bedingungen des Nationalsozialismus mit Organisationen wie der Künstlerhilfe oder dem Kulturbund deutscher Juden gegenseitig unterstützten.
Der letzte Teil widmet sich jenen, die rechtzeitig aus Deutschland fliehen konnten und ihre gestalterische Arbeit im Exil fortsetzten, etwa in Großbritannien, dem britischen Mandatsgebiet Palästina oder in den USA. Nur wenige konnten an ihre früheren Erfolge anknüpfen.
Einige der Designerinnen sind bekannt, wie etwa Anni Albers, die ihre Karriere in der Weberei des Bauhauses begann und heute als eine der wichtigsten Textilkünstlerinnen der Moderne gilt. Marguerite Friedlaender-Wildenhain leitete die Keramikklasse an der Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein und war eine der ersten Frauen, die künstlerische Verantwortung in der Königlichen Porzellan-Manufaktur in Berlin übernahmen.
Ihre Entwürfe, wie das bis heute erhältliche Service „Hallesche Form“, kombinierten klassische Proportionen mit moderner Zurückhaltung und fanden internationalen Absatz. Ihr Ausscheiden aus der KPM im Jahr 1933 war mehr als ein Karrierebruch: Es bedeutete auch das Ende einer ästhetischen Handschrift, die mit ihr ins Exil ging.
Margarete Heymann-Loebenstein gründete in Marwitz, Brandenburg, eine der innovativsten Keramikmanufakturen der Weimarer Jahre: die Haël-Werkstätten. Als der politische und wirtschaftliche Druck zunahm, musste sie das Unternehmen liquidieren und verließ 1934 Deutschland. Kurz darauf gründete der NS-Funktionär Heinrich Schild unter der Leitung der jungen Keramikerin Hedwig Bollhagen eine neue Werkstatt auf dem alten Gelände.
Der spätere Ruhm Bollhagens, der auf einer jüdischen Vorgeschichte fußt, wurde jahrzehntelang kaum thematisiert. Die Ausstellung stellt diesen Zusammenhang anhand eines beschämenden Zeitungsartikels dar: In „Der Angriff“, herausgegeben von Joseph Goebbels, wurden Heymann-Loebensteins Entwürfe denen von Hedwig Bollhagen gegenübergestellt, mit der Bildunterschrift: „Zwei Rassen, ein Zweck, verschiedene Formen. Welche ist schöner?“
Die eigentlichen Entdeckungen der Ausstellung liegen jedoch bei den Gestalterinnen, die bisher in den Narrativen der Designgeschichte nicht vorkamen – nicht, weil ihre Arbeiten weniger bedeutend waren, sondern weil ihre Namen nicht überliefert oder ihre Biografien kaum dokumentiert wurden. Es sind Werbegestalterinnen, Textilkünstlerinnen, Spielzeugmacherinnen, die oft unterhalb einer musealen Wahrnehmungsschwelle gearbeitet haben.
Da ist zum Beispiel die Floristin Franziska Bruck. Ihr Betätigungsfeld gilt bis heute als Randgebiet der Designgeschichte. Die Ausstellung zeigt jedoch, dass es hier viel zu entdecken gibt: In ihrer Berliner „Blumenschule“ unterrichtete Bruck sowohl Gärtnerinnen und Lehrerinnen an Fach- und Mädchenschulen als auch Künstlerinnen und Hausfrauen in floristischer Komposition.
Dies tat sie mit einem ästhetischen Anspruch, der das bis dahin Übliche weit hinter sich ließ, wie Fotografien zeigen. So war sie eine der ersten Gestalterinnen in Deutschland, die sich intensiv mit japanischen Arbeitstechniken wie dem Ikebana auseinandersetzten. Kronprinzessin Cecilie, Max Reinhardt und Rainer Maria Rilke gehörten zu ihren Stammkunden.
Im Januar 1942, kurz vor ihrer geplanten Deportation, nahm sich Bruck das Leben, so wie viele Leben in dieser Ausstellung jäh enden. Auch das der eingangs erwähnten Franziska Schlopsnies: Sie starb 1944 im Konzentrationslager Auschwitz. Elli Hirsch, die unter anderem den ikonischen Look der Schokoladenmarke Stollwerck mitverantwortete – die Ausstellung zeigt neben zahlreichen Drucksachen einen wunderbaren Spielzeug-Verkaufsautomaten –, und die Künstlerin Agnes Meyerhof wurden 1943 in Theresienstadt ermordet.
Es sind diese brutalen Bruchstellen, die einem immer wieder eindringlich vor Augen führen, dass diese Ausstellung nicht nur einen Seitenstrang der Designgeschichte nachverfolgt, sondern vor allem eine andere Geschichte erzählt: jene des Antisemitismus, der anfangs unterschwellig loderte und schließlich von purem Hass und Vernichtungswillen getrieben war.
Eines der beklemmendsten Ausstellungsstücke ist ein Abschiedsbrief, den Paula Straus 1942 kurz vor ihrer Deportation ins Konzentrationslager Theresienstadt an eine befreundete Familie schrieb: „Hungern u. frieren werden wir sicher. Ob wir durchhalten werden, bezweifle ich sehr. Mutter ist alt u. ich bin nicht so kräftig. Große Hoffnung mache ich mir keine“, heißt es hier. Straus, die heute als eine der ersten Industriedesignerinnen Deutschlands gilt, wurde 1943 in Auschwitz ermordet.
Entsprechend sind es zwei Räume, die diese Ausstellung öffnet: Zunächst einmal ist sie eine Einladung zum Forschen, zum Lesen, zum Weitersuchen, kurzum: zur Auseinandersetzung mit dem gestalterischen Sujet, der bei Hirmer erschienene Katalog sei hiermit ausdrücklich empfohlen. Zugleich ist sie ein stiller Einspruch gegen ein Klima, in dem die Sichtbarkeit jüdischer Identitäten wieder zur Gefahr geworden ist. Der Firnis der Zivilisation, so zeigt sie, ist dünner, als wir glauben möchten.
Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne. Jüdisches Museum Berlin, zu sehen bis 24. November 2025
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Larissa Vogler ist Kulturjournalistin mit einer Leidenschaft für Filme, Serien und Shows. Sie liebt es, unentdeckte Perlen aufzuspüren und ihre Leser mit neuen Ideen zu begeistern.